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Nah" - 2000 ::. .:: "Wie tief ist das Wasser" -
2004::.
"WIE TIEF IST DAS WASSER"
Neulich erst hat sich ein Kameramann vom NDR in sie verliebt. Als
Regy Clasen für den Kollegen Stefan Gwildis
im dreiköpfigen Background-Chor sang und das Konzert im TV übertragen
wurde, da war nicht immer klar, ob nun
Norddeutschlands Soulman oder eben diese blonde Sängerin die
Attraktion des Abends war. Die zwei anderen
Sängerinnen, auch sehr hübsch, auch gut bei Stimme, waren
fast nie im Bild. „Ich habe halt, sorry, eine
Fernsehfresse“, sagt Regy und lächelt dabei so frühlingsfrisch
ins Abenddunkel, dass das hässliche Wort auf
einmal richtig nett klingt. Widerspruch jedenfalls wäre zwecklos.
Die Kämpferin entdeckt man dann erst auf
den zweiten Blick. Und beim Blick in ihre Biographie. Da wird auch
eine
Ahnung zur Gewissheit: Doch, tatsächlich, der Name ist nicht
unbekannt, den hat man schon gehört. Da war mal was,
und zwar ein Album, und zwar ein ziemlich schönes. „So
nah“ hieß das Werk und wurde im Jahre 2000 in die Regale
gestellt und aus diesen auch beileibe nicht schlecht verkauft. Nur
ihrer Plattenfirma, einem Major aus Berlin, war nach
dem Sprint der lange Atem ausgegangen, und so wurde Regy mit der Option
auf ein zweites Album hingehalten und
schließlich ohne jenes Album kurz verabschiedet. Zum Glück,
und zwar unserem wie dem ihren, durfte sie die schon
geschriebenen Songs mitnehmen.
Sie stellen nun die gute Hälfte von Regy
Clasens zweitem Album „Wie tief ist das Wasser“. Ansonsten
aber war diesmal
alles neu für die Hamburgerin, und wenn sie Rückschau auf
ein paar aufregende Monate hält, dann wird darüber schon
mal der Milchkaffee kalt. „Ich habe zum ersten Mal die volle
Verantwortung getragen“, sagt Regy, „da saß einfach
keiner,
der weiß, wie man eine GEMA-Anmeldung macht.“ Das war
beim Major anders und gar nicht mal so unbequem gewesen.
„Aber wenn man sich in Eigenregie an so ein Album wagt“,
vermutlich kann Regy Clasen gar nicht anders als optimistisch
in die Welt gucken, „geht auch musikalisch alles durch dein
Herz. Das Ganze ist jetzt absolut mein Album, jeder Pieps ist
da, wo ich ihn wollte. Auch wenn meine Kollegen die Noten spielen,
habe ich sie aber ausgesucht.“ Das war beim Major
anders und ziemlich unbequem gewesen. Trotzdem hat Regy nie den Kopf
in den Sand gesteckt, denn im Grunde habe
sie es ja geahnt, wenn nicht sogar gewusst: „Das erste Album
hat ein paar tausend Leute hinterlassen, die sich an mich
erinnern. Jetzt verfolg ich meinen eigenen Weg, und es geht aufwärts.
Wohin sonst?“ Schon damals hatte ein gewisser
Sting Stimme und Songs seiner jungen Kollegin gerühmt, aber ob
man das immer wieder sagen solle, weiß Regy nicht
so recht. Dabei hätte Sting heute noch mehr Grund zum Staunen.
Der Weg vom ersten zum zweiten Album der 32-Jährigen
nämlich könnte als launige Erzählung ein kleines Büchlein
füllen.
Anfangs hatte Regy Clasen ja noch mit dem Gedanken gespielt, den verlorenen
Major-Deal gegen einen feinen Vertrag bei
einem kleinen Indie-Label zu ersetzen. „Bis ich mir mal überlegte,
was von dessen Arbeit ich nicht selbst machen kann. Ich
habe clevere Mitstreiter und auch selber jede Menge Ideen, also lautete
die Antwort: nichts.“ Eine dieser Ideen finden wir
jetzt beim Auspacken des neuen Albums. Ihm liegt ein CD-Rohling mit
Zugangs-Code bei, mit dem der Fan sich auf Regys
Website alle 14 Songs nochmals herunterladen kann – als Live-Versionen
eines Konzertes in der Hamburger „Baderanstalt“.
Wieder so eine Idee, auf die kein Major
käme. Und dass es da draußen ein Publikum für ihre
Songs in deutscher Sprache,
für viel Herz und Hintersinn zwischen R'n'B und akustischem Songwriter-Material
geben würde, „da konnte ich mir eigentlich
sicher sein. Ich muss nur in mein virtuelles Gästebuch schauen,
oder in die Gesichter der Menschen, wenn ich Michy Reincke
oder Stefan Gwildis auf der Bühne begleite. Die Leute hören
zu, das ist schließlich ihre Sprache. In den Medien spiegelt
sich
das ja leider noch nicht so wieder, aber ich habe Hoffnung.“
Die konnte Regy Clasen auch unmöglich
verlassen, denn die weiteren Schritte bis zu „Wie tief ist das
Wasser“ sind, gelinde
gesagt, eine wahre Glücksträhne zu nennen. „Mir war
ein guter Freundes- und Kollegenkreis immer wichtig, und außerdem
sind die Zeiten auch gerade so, dass man sich an die Vorteile eines
schönen Miteinander erinnert. Für mich begann es
damit, dass Michy Reincke mein Album auf seinem Label Rintintin herausbringen
wollte. Ein Riesengefallen.“ Und nicht
der letzte. Die Kollegin Doris Decker stellte Regy ihr Gartenhäuschen
für Tonaufnahmen zur Verfügung, die Streicher konnten
bei Peter Hinderthür von den Cultured Pearls eingespielt werden,
„den Gesang nahmen wir in einem kleinen Heidedorf mit
dem schönen Namen Vögelsen im Studio von Peter Hoffmann
– nicht Hofmann! – auf, bei dem ich noch einen gut hatte“
Und zu allem Überfluss blieb auch die Suche nach jenem raren,
alten AKG-Mikrofon, mit dem Regy ihre ersten Lieder
eingesungen hatte, nicht erfolglos, „ich kriegte das unbezahlbar
teure Ding einfach so geliehen. Ganz ehrlich: Ich habe
unheimlich Schwein gehabt, und die Dankesliste im Booklet wird garantiert
ellenlang.“
Die Liste ihrer Fans ist garantiert auch noch
längst nicht zu Ende geschrieben. Mit „Wie tief ist das
Wasser“ ist dem Glückskind
Regy Clasen ein schöner Wurf vorbei an allen Klischees und Irrwegen
deutscher Popmusik gelungen. Die Songs sind klug
arrangiert, ihre Texte brauchen keine Posen und sind lieber melancholisch
als sentimental, die Mit-Produzenten Martin Meyer
und Tristan Ladwein lassen dem Hörer Raum für eigene Fantasien.
Und Regys wundervolle Stimme steht diesmal eben so
weit im Vordergrund, wie das solch einer Stimme gebührt.
Mehr soll hier gar nicht gesagt werden. Es
gibt ja ein Album und keine Zeit zu verlieren. Ein paar Grüße
noch an den besagten
Kameramann. Wir verstehen ihn nur zu gut.
(Stefan Krulle)